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Friday, 24. April 2026
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Vietnam: Neues Dekret bedroht Unabhängigkeit der Anwälte

Vietnam plant mit einem neuen Dekret ab dem 18. Mai 2026 eine erhebliche Einschränkung der anwaltlichen Unabhängigkeit: Polizei und Lokalbehörden erhalten die Befugnis, Lizenzen zu entziehen und Bußgelder für vage Vergehen zu verhängen. Dies schafft einen schwerwiegenden Interessenkonflikt, da genau jene Behörden Anwälte sanktionieren können, gegen die diese ihre Mandanten vertreten. Internationale Menschenrechtsorganisationen fordern die Aufhebung des Dekrets und setzen damit auf diplomatischen Druck als zentrales Instrument. Für Deutschland und die EU stellt diese Entwicklung eine weitere Herausforderung für rechtsstaatsbasierte Handelsbeziehungen mit Vietnam dar.

Eine unabhängige Anwaltschaft ist eine der Grundvoraussetzungen eines funktionierenden Rechtsstaats und damit für den Schutz individueller Grundrechte unverzichtbar. Wenn Staaten gezielt die rechtliche Vertretung von Bürgerinnen und Bürgern untergraben, wird nicht nur das Recht auf ein faires Verfahren ausgehöhlt, sondern auch der gesellschaftliche Mechanismus zur Kontrolle staatlicher Macht beseitigt. Der Fall Vietnam zeigt, wie autoritäre Systeme formal legale Instrumente nutzen, um zivilgesellschaftliche und rechtliche Gegenkräfte systematisch zu schwächen.

Dieser Vorgang verdeutlicht eine weltweit beobachtbare Strategie: Anstatt Anwälte offen zu verfolgen, werden bürokratische Werkzeuge eingesetzt, um rechtliche Vertretung faktisch unmöglich zu machen. Für die europäische und deutsche Zivilgesellschaft zeigt das Beispiel Vietnam, wie fragil rechtsstaatliche Errungenschaften sind und warum internationale Solidarität mit Menschenrechtsanwälten konkrete politische Konsequenzen erfordert. Deutschland und die EU sollten das Dekret im Rahmen ihrer Menschenrechtsdialoge mit Vietnam klar ansprechen und die Aufhebung einfordern.